“Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Menschheit”
Der mexikanische Bundesstaat Chiapas ist schon seit langem Brennpunkt von Repressionen und anhaltender Gewalt. Kartelle, Militär und Unternehmen führen einen Krieg, der vor allem auf dem Rücken der indigenen Bevölkerung ausgetragen wird. Nun werden auch Menschenrechtsverteidiger*innen vermehrt zur Zielscheibe.
Vertreter*innen von Menschenrechtsorganisationen haben sich am vergangenen Mittwoch versammelt, um über die aktuelle Menschenrechtslage in Chiapas zu informieren. Anlass für die Veranstaltung war unter anderem die Ermordung von Padre Marcelo im vergangenen Oktober. Pater Marcelo Pérez Pérez war Pfarrer in der Stadt San Cristóbal de las Casas und galt als wichtiges Symbol des Widerstands in Chiapas. Sein Einsatz für Menschenrechte und sein Kampf gegen kriminelle Banden brachten der Region Hoffnung. Doch Pater Marcelo machte sich damit auch Feinde. Am 20. Oktober 2024 wurde er in San Cristóbal nach einem Gottesdienst auf offener Straße erschossen. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum versprach Aufklärung. Weitere Informationen über Ermittlungen bleiben jedoch bisher aus.
Ein Krieg mit vielen Akteuren
Die Ermordung von Padre Marcelo löste im ganzen Land Entsetzen aus. Die Gewalt schafft ein Klima der Angst in der Region. 7.000 Tötungsdelikte wurden, laut der Menschenrechtsorganisation CAREA, in diesem Jahr bereits gemeldet. 16.000 Indigene wurden 2024 aus ihren Gemeinden vertrieben. Grund dafür ist das Zusammenspiel aus organisierter Kriminalität, zunehmender Militarisierung und Wirtschaftsinteressen. Kartelle, wie das Sinaloa und eine neue Generation des Jalisco Kartells liefern sich blutige Territorialkämpfe. Die Präsenz von Militär und Nationalgarde wurde in den vergangenen Jahren stark erhöht. Jedoch nicht zur Sicherheit der Zivilbevölkerung, sondern, um den Widerstand gegen zahlreiche Großprojekte zu beenden. “Es ist eine Gewalt, die mit aller Macht den Widerstand verhindern möchte.”, so Pedro de Jesús Faro Navarro vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas (FRAYBA) in San Cristóbal. Navarro verweist dabei auf die zahlreichen Großprojekte, die aktuell auf chiapanekischem Boden errichtet werden. Darunter der umstrittene Tren Maya - eine neuerrichtete Zugstrecke, die Tourist*innen von Cancún in der Karibik bis zur Ruinenstadt Palenque im Regenwald von Chiapas bringen soll. Was von der Regierung als Fortschritt für die Region bezeichnet wurde, nahm zahlreichen Indigenen ihr Land und ihre Heimat. Viele Beobachter*innen stufen das Projekt des Tren Maya als illegal ein. Aufstände wurden vom Militär gewaltvoll niedergeschlagen.
Vor allem Menschenrechtsverteidiger*innen im Fokus
Staatlich aufgeklärt werden die Verbrechen in der Regel nicht. Häufig, weil staatliche Institutionen und organisiertes Verbrechen miteinander vernetzt sind. Diese absolute Straflosigkeit sorgt in Mexiko dafür, dass sich Mitglieder*innen organisierter Kriminalität in Sicherheit wiegen können. So wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Journalist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen getötet oder sind bis heute verschwunden. Menschenrechtszentren wie das Zentrum FRAYBA verzeichnen einen deutlichen Anstieg von Bedrohungen gegen sie. Der Journalist Aldo Santiago erwähnte am Mittwoch die große Gefahr, die mittlerweile für Aktivist*innen und Journalist*innen in Chiapas bestehe. “Dieser Krieg ist ein Krieg gegen die Menschheit.”, so Santiago. Er betonte die immer größer werdende Wichtigkeit, sich mit ausländischen Organisationen und Medienschaffenden zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Nur so könne weltweilt über die Verbrechen, die der eigene Staat an seiner Bevölkerung begehe, öffentlich gemacht werden. Navarro vom Zentrum FRAYBA geht dabei noch einen Schritt weiter und fordert von der internationalen Gemeinschaft, den Staat Mexiko vor den internationalen Gerichtshof zu bringen. Solange Straflosigkeit und wirtschaftliche Interessen über den Schutz der Bevölkerung gestellt werden, scheint ein Ende der Gewalt in Chiapas nicht in Sicht.
Unveröffentlichte journalistische Arbeitsprobe zu Menschenrechtsverletzungen in Chiapas
Autorin: Sarah Michelberger
Juli 2025