“Es geht um viel mehr als nur um ein Stück Textil”
Vom mexikanischen Hochland in die weite Welt – die indigenen Frauen
von Impacto weben Textilien und kämpfen für Selbstbestimmung.
Die Geschäftsstelle von Impacto wirkt wie ein kleines Museum: Ein Bau im spanischen Kolonialstil, wie er hier in der Altstadt von San Cristóbal de las Casas üblich ist. Im farbenprächtigen Innenhof wachsen Palmen, Farne und typische Pflanzen der Region. Rundherum zieren Tongefäße, farbenfrohe Textilien und Bilder die Wände. “Das hier haben die Frauen selbst gemacht”, sagt Karla Aguerrebere und deutet auf einen Webrahmen mit einem halbfertigen bunten Gürtel darin.
Karla ist die Geschäftsführerin der NGO Impacto. Diese unterstützt indigene Frauen im mexikanischen Bundesstaat Chiapas bei der Herstellung ihres traditionellen Handwerks und bei einem fairen Verkaufsprozess. Karla, eine große moderne Frau mit langen tiefschwarzen Haaren und einem grauen Poncho über den Schultern, stammt ursprünglich aus Puebla. Ihre Schwester Adriana war es, die 2013 die Organisation gründete. Als diese 2020 plötzlich verstirbt, übernimmt Karla die Leitung. Seitdem macht sie es sich zur Aufgabe, die Rechte und die Selbstbestimmung indigener Frauen zu fördern. “Die Frauen in den Gemeinden leisten Großartiges. Neben dem Handwerk sorgen sie sich noch um die Kinder, gehen auf die Felder, bereiten Tortillas zu, kümmern sich um die Eltern und waschen die Wäsche”, erklärt Karla sichtlich gerührt, während sie stolz die einzelnen Textilien präsentiert.
Laut dem mexikanischen Institut für Statistik und Geografie, hat der Bundesstaat Chiapas die zweitgrößte indigene Bevölkerung in ganz Mexiko. In einer stark von Männern dominierten Gesellschaft und in einem Land, was seit Jahrzehnten von Gewalt und Armut gezeichnet ist, sind vor allem indigene Frauen und Mädchen die Leidtragenden. Häufig bleibt ihnen der Zugang zu Bildung, Lohnarbeit und dem Gesundheitssystem verwehrt. Dem wollen die Mitarbeiterinnen von Impacto entgegenwirken, indem sie Frauen Kurse anbieten, wie sie sich in Führungspositionen behaupten, ihr Handwerk fair vermarkten und selbstbewusst kommunizieren können.
“Viele der Frauen haben noch nie allein ihre Gemeinden verlassen. Sie verlassen sie nur, wenn sie ihre Männer in die Stadt begleiten”, erklärt Elva, die vor ihrem aufgeklappten Laptop an ihrem Schreibtisch sitzt. Elva ist bei Impacto für Übersetzungsarbeiten auf Tsotsil und Tseltal zuständig - den in Chiapas gesprochenen indigenen Sprachen. “Durch unsere Arbeit sehe ich nun immer mehr Frauen, die allein und selbstbewusst ihre Gemeinden verlassen, um ihre Textilien zu verkaufen. Sie kennen nun den Wert, den ihr Handwerk hat.”
Auf die Frage, was eines ihrer bedeutendsten Projekte war, antworten Elva und Karla beinahe einstimmig “Aeroméxico”. Die mexikanische Fluglinie hat die Frauen von Impacto beauftragt, die Uniformen für ihr Flugpersonal zu schneidern. Ein Videoclip, der auf den Flugstrecken gezeigt wird, ehrt die Arbeit der Frauen. Eine von ihnen betont, ihr größter Traum, eine Geschäftsfrau zu sein, sei damit wahrgeworden. Eine andere spricht von dem einzigartigen Gefühl zu wissen, dass ihre Arbeit nun durch die ganze Welt reise.
Der Organisation geht es auch darum, die reiche Kultur indigener Völker beizubehalten. “Es geht um viel mehr als nur um ein Stück Textil”, so Karla, “es geht um Kultur und dass diese nicht in Vergessenheit gerät.”
Im Ausstellungsraum öffnet Karla bedächtig ein aus Stoff geschneidertes Buch. Frauen aus einer Gemeinde haben es als Geschenk genäht, um zu zeigen, wie sich ihr Leben durch Impacto verändert hat. Auf Seite eins wird ein Samen gepflanzt, der Seite für Seite zu einer wunderschönen Blume heranwächst. Auf dem Titelbild sind die Wörter “Lekil Kuxlejal” gestickt. Sie stammen aus dem Tseltal und bedeuten so
viel wie “das gute Leben.” Es ist die Philosophie, nach der Karla und die Frauen arbeiten, getreu dem, was Adriana mit der Gründung von Impacto erreichen wollte. Das Team habe viele Pläne für die Zukunft, doch fehle es auch an notwendigen finanziellen Zuschüssen. “Es ist nicht immer leicht, besonders jetzt. Aber ich bin stolz auf unsere Arbeit”, meint Karla.
Einsendeaufgabe zum Studienheft SJOU04B “Porträt und Reportage”
ILS Fernschule; Lehrgang: Journalist/in
Autorin: Sarah Michelberger
Oktober 2025